
Herr Müller-Siebers, warum tun sich Abiturienten heute so schwer damit, das richtige Studienfach zu finden?
Früher waren die Curricula der Studiengänge an den verschiedenen Hochschulen weitgehend identisch. Unter fachlichen Gesichtspunkten war es meist relativ egal, ob man Betriebswirtschaft in München, Mannheim oder Hamburg studierte. Diese Zeiten sind vorbei, seit im Zuge des Bologna-Prozesses an allen deutschen Hochschulen die "Reformitis" ausgebrochen ist und neben den Abschlüssen auch die Konzepte der Studiengänge umgestaltet werden. Deshalb sind die Erfahrungen von Eltern, Verwandten und Bekannten oft nur noch wenig wert - und bei vielen Abiturienten herrscht absolute Ratlosigkeit.
Wann wird sich die Situation beruhigen?
Die Umbruchphase ist noch lange nicht vorbei. Zwar sind mittlerweile die meisten Studiengänge auf Bachelor-Abschlüsse umgestellt. Aber speziell bei vielen ingenieur- und rechtswissenschaftlichen Studiengängen der Universitäten blieb bisher viel unverändert. Wer heute ein Studium dieser Fächer beginnt, steht vor der Frage, ob er sich für einen Bachelor- oder einen Diplom-Abschluss beziehungsweise das Staatsexamen entscheiden soll. Dabei geht es nicht nur um den Titel, sondern um Inhalte. Für die Bachelor-Programme wurden die vier- und fünfjährigen Diplom-Studiengänge gestrafft, viele Hochschulen mussten sich fragen, was Kerninhalte sind und worauf verzichtet werden kann. Daraus sind unterschiedliche Curricula entstanden - unabhängig davon, ob das Studienfach nun Betriebswirtschaft, Informatik oder Psychologie heißt.
Wie weit voraus sollte ein angehender Student sein Studium denn planen?
Jedenfalls sollte sich jeder sehr früh fragen, ob er eher anwendungs- oder forschungsorientiert studieren will. Die meisten aber entwickeln erst im Studium eine so konkrete berufliche Perspektive für sich. Genau hier liegt das Problem. Denn die Wahl eines Bachelor-Studiums bedeutet unter Umständen das Aus für manche Master-Studiengänge. Wer beispielsweise Ingenieurwissenschaften oder Informatik eher anwendungsbezogen studiert, dem wird wegen seiner Ausrichtung auf bestimmte Branchen oder Funktionsbereiche womöglich die nötige inhaltliche Breite für ein Master-Programm fehlen.
Ist es nicht so, dass man mit einem Bachelor in der Tasche grundsätzlich ein Master-Studium beginnen kann?
Doch, aber nicht jedes. Das gilt vor allem für die so genannten konsekutiven Master-Studiengänge. Sie erweitern oder vertiefen das in einem Bachelor-Programm erworbene Wissen und retten damit oft die tradierten Inhalte des Diplom-Studiums ins neue Abschlusssystem hinüber. Das sind etwa zwei Drittel aller Master-Programme. Der Rest sind nicht-konsekutive Studiengänge, die das im Bachelor-Studium erworbene Wissen verbreitern sollen, etwa indem sie einem Ingenieur betriebswirtschaftliches Know-how vermitteln. Sie gelten als "Zweitstudium" und kosten Geld.
Worin liegt nun das Problem mit den konsekutiven Studiengängen?
Jede Hochschule kann für sich eigene fachliche Zugangsvoraussetzungen formulieren. Zum Beispiel, dass der Absolvent eines ingenieurwissenschaftlichen Bachelor-Studiums Kenntnisse über Elektrotechnik mitbringt oder dass sich jemand in seinem Psychologie-Studium in einem bestimmten Umfang auch mit diagnostischen Verfahren befasst hat. Erfüllt ein Bewerber, etwa weil er seinen Bachelor in Frankfurt statt in München erworben hat, diese Voraussetzungen nicht, erhält er eine Absage.
Was raten Sie Erstsemestern oder Studienfachwechslern?
Sie müssen sich sehr intensiv mit Inhalten und Profil der in Frage kommenden Studiengänge befassen. Gerade Abiturienten haben hier Defizite. Nur etwa ein Viertel von ihnen fühlt sich Umfragen zufolge ausreichend auf die Studienentscheidung vorbereitet. Weder Eltern, Bekannte noch Lehrer können ihnen dabei genug helfen. Sie sollten deshalb die Studienberatungsangebote der Hochschulen nutzen, Lehrveranstaltungen der relevanten Studiengänge besuchen und mit Studenten über deren Erfahrungen sprechen.