Auswahlverfahren: Für den Beruf Informatiker geeignet?


Ein Bericht von Ina Ochsenreiter

Im Beruf sind andere Fähigkeiten als in der Schule gefragt. Deshalb ist bei den meisten Privatunis die Abiturnote nur ein Kriterium bei der Vergabe von Studienplätzen. So auch bei der Fachhochschule für die Wirtschaft (FHDW) Hannover. Sie lädt die Studienplatz-Bewerber zu einem halbtägigen Auswahlverfahren mit Firmenvertretern ein.

Im Seminarraum, an dessen Tür das Schild „Auswahlverfahren" hängt, herrscht eine nervöse Spannung. Verstohlen mustern 18 Bewerber die beiden Herren, die an der Stirnseite der hufeisenförmig aufgestellten Tische sitzen. Prof. Dr. Günther Hellberg, Inhaber des Lehrstuhls Netze und Betriebssysteme an der FHDW Hannover, begrüßt die Bewerber um einen Informatikstudienplatz. Danach erteilt er seinem Tischnachbarn Prof. Dr. Harald König das Wort. Der Softwareengineering-Spezialist stellt das Studienangebot der privaten Fachhochschule vor.

Außer den Studiengängen Informatik und Wirtschaftsinformatik werden an der FHDW Hannover betriebswirtschaftliche Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten. Die Bachelor-Studiengänge dauern jeweils drei Jahre. Während des Studiums wechseln Theoriephasen an der Hochschule und Praxisphasen in der Industrie vierteljährlich ab.

Wissen allein ist nicht viel wert 

Dann erklärt Günther Hellberg das Auswahlverfahren. „Bei uns braucht niemand ein Super-Abi", betont er, „ein Notendurchschnitt von 2,9 genügt." An der FHDW zählen andere Qualitäten. Zum Beispiel, ob ein Bewerber gut in Teams arbeitet und wie er Probleme im Berufsalltag löst. Außerdem legt die FHDW viel Wert auf die soziale und kommunikative Kompetenz. Da die Abiturnote hierüber nichts aussagt, gibt es das Auswahlverfahren an der FHDW Hannover.

Zunächst wird das englische Sprachverständnis geprüft. Weiter geht es mit einem Test zum logisch-abstrakten Denkvermögen. In 45 Minuten sollen die Teilnehmer 48 Aufgaben lösen. Dann ist eine Kaffeepause - für die Bewerber. Die beiden Professoren werten währenddessen die Tests aus. Das Ergebnis ist erfreulich. Die meisten Bewerber haben das Soll erfüllt und mindestens 40 Fragen richtig beantwortet. Der Rest liegt knapp darunter. Die Testergebnisse sind jedoch nur ein Aufnahmekriterium. Auch Bewerber, die die Soll-Punktzahl nicht erreichten, können noch einen Studienplatz ergattern - sofern sie bei den anderen „Übungen" gut abschneiden.

Erste Kontakte mit künftigen Arbeitgebern

Prof. König stellt drei Männer und Frauen vor, die in der Pause zur Gruppe gestoßen sind. Es sind Führungskräfte der Unternehmen, die FHDW-Studenten Praktikumsplätze zur Verfügung stellen. Sie sollen die Bewerber unter anderem beim Lösen einer Fallstudie beobachten. Doch zunächst stellen sich die Bewerber den Unternehmensvertretern vor und schildern, warum sie an der FHDW Hannover studieren möchten. Johannes Göbel*, ein frisch gebackener Abiturient aus Celle, betont: „Mir gefällt der Wechsel zwischen Studien- und Praxisphasen. Da kann man das Gelernte sofort umsetzen." Seine Tischnachbarin Susanne Vogt aus Braunschweig bewarb sich aufgrund des guten Abschneidens der FHDW beim CHE-Hochschulranking.

Ein Bewerber fragt, welche Erfahrungen die Unternehmen mit FHDW-Studenten gesammelt haben. „Wir kooperieren seit Jahren mit der FHDW Hannover und haben nur gute Erfahrungen gemacht," antwortet Christiane Besa-Schmidt, Aus- und Weiterbildungs-Referentin bei den VGH Versicherungen,  Hannover. „Ansonsten wären wir nicht hier", wirft Urich Büchler schmunzelnd ein. Er ist Entwicklungsleiter Fahrzeugsysteme bei der Höft & Wessel AG, Hannover.

Bewerber bearbeiten eine Fallstudie

Dann teilen sich die Bewerber in drei Gruppen auf und beginnen die Fallstudie zu bearbeiten. „Wie Sie dabei vorgehen, entscheiden Sie", gibt ihnen Prof. König mit auf den Weg. In der Fallstudie erhält der (Wirtschafts-)Informatiker eines Unternehmens den Auftrag, mit einer Projektgruppe eine Software zu entwickeln und zu implementieren. Die Software soll die Auftragsbearbeitung verkürzen und die Fehlerquote minimieren. Wer der Gruppe angehören sollte, müssen die Bewerber selbst herausfinden. Außerdem sollen sie überlegen, welche Kompetenzen die Projektgruppe braucht, um das Projekt erfolgreich durchzuführen.

Die Kleingruppen gehen ans Werk. Währenddessen machen sich die Beobachter Notizen. Hinter dem Namen Johannes Göbel notiert Urich Büchler von Höft & Wessel: „Hinterfragt Dinge, spricht die richtigen Themen an." Göbel hat auch die richtige Idee, was der Informatiker zunächst tun sollte: Zu seinem Chef gehen und mit ihm den Auftrag klären. „Denn der Auftrag enthält zwei gegenläufige Ziele: Einerseits soll alles schneller gehen, andererseits sollen weniger Fehler gemacht werden."

Ergebnisse präsentieren ist nicht einfach

Bei der Präsentation der Ergebnisse fällt auf: Johannes Göbel trieb zwar in seiner Gruppe den Prozess am stärksten voran, bei der Ergebnispräsentation sagte er aber kein Wort. Das lässt den Schluss zu: Göbel kann andere am Erfolg teilhaben lassen. Beruflich kommt er aber nicht weit, wenn er sein Licht unter den Scheffel stellt.

Dann ist das Auswahlverfahren beendet. Die Unternehmensvertreter haben nun ein Bild von den Kandidaten, ihren Fähigkeiten und Potenzialen. Bevor die Bewerber verabschiedet werden, erklärt Prof. Hellberg das weitere Vorgehen: „Wir als Beobachter werden uns nun beraten und jeden
Bewerber bewerten. Danach entscheiden wir, ob Sie eine Zusage erhalten." Wenn ja, dann bekommen die Bewerber mit der Studienplatz-Zusage eine Liste mit den Adressen der Unternehmen geschickt, die den FHDW-Studenten das Studium finanzieren. Dort können sie sich mit einer Empfehlung der FHDW Hannover um Praktikumsstellen und „Stipendien" bewerben.

Text: Ina Ochsenreiter

* Die Namen der Bewerber(innen) wurden geändert.